LÜCKE
 
Amsterdam, Herbst 1997

Ebenso wie die meisten Inhaftieren, kann auch ich behaupten, irrtümlicherweise im Gefängnis gelandet zu sein; nämlich in der Justizvollzugsanstalt für Frauen, in Vechta, Deutschland. Anlass war die Einladung, meine Lücke- Skulpturen in diesem Gefängnis auszustellen.

Eine Lücke ist im materiellen Sinne ein Loch, Leere, nicht ausgefüllter Raum, aber zugleich beinhaltet dieses Wort: Entbehrung, Abwesenheit, Verlust. Die Lücken ähneln menschgroßen Vasen aus Wachs, gegossen in einer Form aus Ton.

Anstelle der geplanten Ausstellung meiner Skulpturen haben zwölf Inhaftierte und sechs Bewacher zusammen mit mir ihre eigenen Lücken gebaut und in Wachs gegossen. Diese wurden vom Fotografen Luuk Kramer an Orten fotografiert, die für die Frauen bedeutungsvoll waren oder sind.
Anschließend reiste das Projekt Lücke zwei Jahre durch Deutschland und die Niederlande zu verschiedenen (halb-)öffentlichen Instanzen, unter anderem in den Niedersächsischen Landtag in Hannover.


Die Grundlage des oben beschriebenen Projektes ist ein Zitat aus einem Brief des Theologen und Philosophen Dietrich Bonhoeffer aus der Zeit seiner Berliner Gefangenschaft: Widerstand und Haft 1940 - 1945, Heiligabend 1943 […] es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man muß es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden.[…]


Ulrike Möntmann


ANKE SCHENGBER
90 x 110 x 45cm Material: Wachs. Ort: Wohnung Mutter
D – Osnabrück

SABINE HOFFMANN
110 x 60 x 60 cm Material: Wachs. Ort: Isolationszelle [Bunker]
Justizvollzugsanstalt für Frauen D – Vechta

SABINE HOFFMANN
60 x 90 x 40 cm Material: Wachs. Ort: Krankenzimmer
Justizvollzugsanstalt für Frauen D – Vechta


Text Michael Daxner

Geglückte Lücke

Zur Ausstellung von Objekten aus dem Lücke Projekt von Ulrike Möntmann

Gerade in der Not ist Freiheit unverzichtbar. Ins Freie! hat ja auch den Klang nach Neubeginn, nach dem Sichfinden in der harten kalten Luft, die Abstand schafft zur dumpfen Wärme des Unwandelbaren.

Lange hat sich der Schmerz eingefressen, bis er einen Hohlraum geschaffen hat, ein Loch, viele Löcher; bis er die Gefühle und Gedanken porös gemacht hat. Da herausgerissen werden, erhöht den Schmerz, macht ihn nicht schon zur Trauer. Wir Menschen können Schmerz bis zu einem gewissen Grad ertragen, aber wir müssen lernen, daß wir mit ihm nicht umgehen können ohne den Umweg über die Trauer.

Die Lücke, die jemand und etwas hinterläßt, ist eine Form von Trauer. Von bewußter Wahrnehmung dessen, was fehlt. Der Eingeschlossenen fehlt die Freizügigkeit; die erzwungene Unfreiheit ist Anlaß für einen Schmerz, der andere sitzt drin, formt die Frau in ihrer Zelle, hindert sich den Gründen im eigenen Tun zu nähern, und verhindert, daß die Zukunft sich wieder an den ganzen Menschen annähert, ihn umgibt, ihn jenseits des Überlebens leben zu lassen.

Was ist, das fehlt?

Ulrike Möntmann will die Lücke offen lassen, sie nicht schließen. Sie weiß, daß Narben, schlecht verheilt, mehr und dauerhafter schmerzen können, als eine offene Wunde: aus der es auch hinaus will, in die Freiheit, die auch bedeutet: teilen, mitteilen. Das bin ich, das ist meine Lücke. In ihrer Kunst hat U.M. immer die Genauigkeit gepflegt, wie eine Arznei gegen das Erstarren in der randlosen Verzweiflung. Die Lücke ist die Chiffre, hinter der sich verlorener Inhalt verbirgt, das Loch “mit etwas drumherum”, das einen Namen hat, eine Geschichte, die andere wahrnehmen, in Motiven, die andere für wahrhalten, die wahr sein können oder auch nicht. Dies zur Sprache bringen, ist schon schwer genug. Aber vielleicht ist es zum Blick, zur tastenden Aneignung zu bringen.

Der Mensch (nicht nur die Frau) als Gefäß des Schmerzes ist eine Lücke, die symbolische Form ist nicht nur geschlechtsbestimmt. Ich bin, nicht nur, aber sehr grundsätzlich, was mir fehlt. Die gesamte Philosophie der Hoffnung entsteht aus dem Mangel, aus dem Hunger, aus der Abwesenheit.
Ulrike formt mit den Frauen aus der Justiz-Vollzugs-Anstalt den Ausdruck der Lücken, die Frauen formen, was der Vollzug nicht angreifen soll: den Wiedereintritt in die Trauer, und damit den Schritt vom Überleben zum Leben. Im Strafvollzug vollzieht der Staat namens der menschlichen Gesellschaft die Durchsetzung seiner Regeln. Selbst wenn sie akzeptiert werden, sind diese Regeln nur der Rand dessen, was verloren gegangen ist: Würde, Liebe, ein Mensch, ein Bedürfnis, etwas, das wir nicht kennen, oder nur zu gut zu kennen meinen.
Die Objekte symbolisieren nicht die Regeln, sondern das, was sie übriglassen. Da wird nicht Beschäftigung zur Therapie, zur Verdrängung der Trauer verabreicht. Da wird hineingelegt, was noch keine Gestalt hat und seine Form erst sucht. Man kann nicht einfach von der ausgestellten Form auf den Menschen schließen, aber es ist möglich, sich an die unverwechselbare Bedeutung des Kunstwerks zur Erklärung, der Selbsterklärung der Lücke anzunähern: da drin, da dran, bin ich, Spiegel im getrübten Wasser, meine Finger haben dem Wachs und dem Model etwas mitgeteilt, was nicht weggenommen werden darf, die Technik erfordert jene Konzentration, die im bloßen Nach-Denken der Umstände, die zur Unfreiheit beitragen, sich nicht erschöpfen.

Lücke: das ist die Wappnung gegen den Götzendienst der Illusion, gegen dieses fatale “irgendwann… dann mach ich was, dann komm ich ganz groß raus.“ Hier kommen Menschen ganz klein rein und bekommen ihr menschliches Maß wieder durch den Umgang mit dem Rand der Lücke, der schmalen Brücke, die sich zwischen dem Abgrund und der Wand des Fühllosen gerade noch bietet.

Teilnehmer: Christa Bischoff, Angela Bode, Monika Hellberg, Sabine Hoffmann, Hilde Höhnke, Petra Huckemeyer, Manuela Kampling, Manuela Kneier, Ulrike Lücke, Manuela Marwedel, Elsbeth Möhlmann – Burgstaler, Yvonne Neuenkirch, Kirsten Pallentien, Gangolf Schaper, Anke Schengber, Petra Schröder, Ewa Schweda, Johanna Varnhorn, Saramarie.



KGK
 
Das Projekt besteht aus mehreren Phasen inner- und außerhalb des Gefängnisses, der Justizvollzugsanstalt für Frauen, D-Vechta, in Zusammenarbeit mit (ex-)drogenabhängigen, (ex-)inhaftierten Frauen, der Modedesignerin Anneclaire Kersten (Amsterdam), dem Fotografen Luuk Kramer (Amsterdam).

Die Eitelkeit von Frauen in einem Gefängnis ist auffallend. Wo Stolz und Selbstachtung schon lange gebrochen sind, setzt der Wunsch nach ‘Aufmachung’ ein. Dabei wird eingesetzt was möglich ist: Haarfärben - jede Woche in einen andere Ton; Piercings wo möglich; Tattoos, Schmuck in Überfluss, coole Schuhe am liebsten mit Plateausohlen.
Das Bedürfnis, den eigenen Wert nach außen hin sichtbar zu machen, kennzeichnet den Menschen im Allgemeinen; darin unterscheiden sich diese Frauen nicht von anderen. Auch ist die Suche nach einem eigenen Image sicher eine universelle Ausdrucksform für Individualität innerhalb und außerhalb des Gefängnisses. Aber an einem Ort, an dem man im besonderen Maße uniform behandelt wird, wo Ess-, Trink-, Arbeits-, Schlaf- und Erholungsrhythmen einem strengen Diktat folgen; an einem Ort, wo jede Art von Persönlichkeit eher Misstrauen als Bewunderung hervorruft; an so einem Ort ist das Bedürfnis nach Anerkennung und Individualität beinah körperlich spürbar.
In dem Buch ‚Les chemins de la liberté’ (Die Wege der Freiheit) aus dem Jahre 1945 beschreibt Jean-Paul Sartre wie ein Kriegsgefangener im Konzentrationslager verbissene Versuche unternimmt, gepflegt zu bleiben, gewaschen, rasiert - während sich um ihn herum Verlotterung ausbreitet. Er fühlt, dass, wenn er diesen scheinbar unbedeutenden Aspekt aufgibt, es einer Kapitulation vor seinen Bewacher gleich käme, einer Kapitulation vor seiner eigenen Verzweiflung. Körperlich eingeschränkt in seiner Freiheit, bleibt ihm nur noch seine eigene Äußerlichkeit, um Unabhängigkeit seines Geistes zu demonstrieren, um Identität und Stolz auszustrahlen.


Fragment aus: DOREENKLETTJURK UND ANKMONKLETTBUNKER, Louise Schouwenberg, 2000
KGK/I/1999
Europees Keramisch Werkcentrum [EKWC], NL- ’s Hertogenbosch
Produktion von vier über-lebensgroßen Prozessionsmadonnen. Wie in südeuropäischen Ländern üblich ohne Arme und mit kahlem Haupt. In diesem Fall mit dem Angesicht der Manuela Kneier, Teilnehmerin am Lücke Projekt. Die porzellanenen Kneiers dienen im Gefängnis als Passpuppe/ Anziehpuppe; um Kleidung mit einem Körper zu versehen.
KGK/I/2000/01
Justizvollzugsanstalt für Frauen, D-Vechta
Produktion einer Serie von (hauptsächlich) nicht-tragbaren Kleidungsbildern, hergestellt aus verabscheuten Gefängnisdecken.
Die Kollektion Gefängnis Kleidung wird unter anderem im Höchsten Gerichtshof in Amsterdam ausgestellt.

Die Versuche der Inhaftierten, den Maßstäben eines normalen Lebens gerecht zu werden stehen in krassem Gegensatz zu ihren Lebenserfahrungen und ihren restriktiven Lebensmöglichkeiten.
Im Laufe des Jahres 2001 werden sieben der acht partizipierenden Frauen der KGK/I aus diesem Gefängnis entlassen. Ich folge ihnen in die Freiheit, in Therapieeinrichtungen und/oder in andere Gefängnisse.
KGK/II/ab 2002 (Konzept)
Die (ex-)inhaftierten Frauen entwerfen unabhängig von einander an verschiedenen Orten eine Kollektion real tragbarer Gefängnis Kleidung, (Basismaterial weiße Wolldecken). Der Einsatz der idealisierten Kneier als Anziehpuppe/Prozessionsmadonna verfällt. An Stelle davon werden Amtsträger des Justizministeriums (Richter, Staatsanwälte, Rechtsanwälte, Bewacher) die Kleidungsbilder tragen und im Höchsten Gerichtshof in Amsterdam in Form einer Modenschau vorführen.
Die Entwürfe werden nach den Anweisungen der (Ex-)Inhaftierten gesammelt und ausgeführt.

Enthusiasmus gegenüber jedweder sinnvollen oder sinnlosen Beschäftigung ist im Gefängnis nicht zu erwarten. Es ist unwesentlich, ob es um eine geisttötende Tätigkeit wie z.B. Gummikappen auf Tischfüße zu schrauben geht, oder um gut gemeintes Modellieren und Glasieren von Aschenbechern innerhalb eines Töpferkurses.
Es ist charakteristisch, dass bei keiner der offiziellen Aktivitäten ein Bezug zu den Erfahrungen und Wünschen der Insassen vorhanden ist.
KGK/III/ab 2002
Das Justizministerium, Abteilung Arbeit in Gefängnissen, unterstützt meinen Vorschlag, die Produktion der Kollektion Gefängnis Kleidung/II als Arbeitsmaßnahme im Gefängnis einzurichten.

Abbildungen KGK/I/2000
Justizvollzugsanstalt für Frauen, D-Vechta


Text aus Ulrike Möntmann 15.7.0 - 28.9.01 Kollektion Gefängnis Kleidung 2001 Louise Schouwenberg

Text aus Ulrike Möntmann 15.7.0 - 28.9.01 Kollektion Gefängnis Kleidung 2001 Pauline de Bok

JESSICAKLETTJURKD1
EDELARMENK1SEILER
Gehäkelte Arme für Kneier1 berühren den Boden.
Material: Gefängnisdecken. Ort: Seilergang

MONANKGOUDENBABYSEILER
ANKMONKLETTBUNKER
Zwei Hemden, aneinandergeklettet. Material: außen Klettband, innen Gefängnisdecken.
Ort: Isolationszelle, links [bunker]

JESSICAKLETTJURKD1
JESSICAKLETTJURKD1
Kleid, verziert mit Tattoos und Piercings. Material: außen weißes Klettband, gewebt. Tattoos: schwarzes Klettband, Piercings: Metall überzogen mit rosa Skai. Innen rosa Skai Ort: D1

ANKMONKLETTBUNKER
MONANKGOUDENBABYSEILER
Kleid für ungeborenes Baby. Material: Kleid aus Seide, Baby golden Skai, dunkelrote Streifen Gefängnisdecken. Ort: Türöffnung Seilergang/ Klosterhof

NADINESLAAPZAKMOONLIGHT
NADINESLAAPZAKMOONLIGHT
Schlafsack. Material: Sechs gesmokte Gefängnisdecken zu einem Köcher geformt.
Ort: Bett Absonderungszelle [Moonlight]
Teilnehmer: Nadine Fricke, A.G., Marlis Garcia Corona, Monika Hoedt, Edel Mbye, Doreen Sander, Jessica Schümann, Monika Zielinski.




JUGEND
WOHN ZIMMER
Einige Menschenleben sind betrauernswert und andere sind es nicht; die ungleichmäßige Verteilung von Betrauernswürdigkeit, die darüber entscheidet, welche Art von Subjekt zu betrauern ist und betrauert werden muss und welche Art nicht betrauert werden darf, dient der Erzeugung und Erhaltung bestimmter ausschließender Vorstellungen, die festlegen, wer der Norm entsprechend menschlich ist: Was zählt als ein lebenswertes Leben und als betrauernswerter Tod? [Judith Butler: Gefährdetes Leben. Politische Essays. Frankfurt am Main 2005]

Dass Häftlinge im heutigen (westlichen) Gefängnis ein lebenswertes Dasein zu führen scheinen – versorgt mit Nahrung und Bett – gilt in der öffentlichen Meinung als eine Schwächung des Sanktionseffektes: staatsrechtliches Auftreten muss als eine vergeltende Maßregel glaubwürdig wahrnehmbar sein.
[vergl. Michael Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main 1994]

Seit der Verminderung der Körperstrafe, öffentlicher Bloßstellung, Züchtigung und Folter in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zieht sich die ‚peinliche Frage’ bis in die heutige Diskussion über moderne Rechtsprechung hin, wie denn ohne fühlbare und sichtbare körperliche Gewalt zu strafen sei.
Die ‚Antwort’ wurde durch G. de Mably: De la législation, [Œuvres complètes, 1789, Bd. IX, S. 326.] schon im 18. Jahrhundert auf erstaunlich simple Weise formuliert: Weniger Grausamkeit, weniger Leiden, größere Milde, mehr Respekt, mehr ‚Menschlichkeit’ bewirken eine Verschiebung im Ziel der Strafoperation.
Das heißt: Wenn der Körper nicht gestraft werden darf, dann muss ein adäquater Ersatz gefunden werden, der das Herz, das Denken, den Willen, die Talente: - die Seele- trifft.


JUGEND WOHN ZIMMER ist der Titel für das Kunstprojekt in der Jugendabteilung der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta, Deutschland. Das Projekt ist ein work in process.
Das Kunstwerk ist in zwei Teile gegliedert: Aktion und installation, die nebeneinander Gestalt annehmen. Die aktion beinhaltet das Vorlesen von Geschichten und das Errichten einer Bibliothek.
Die installation besteht aus der Umwidmung bereits vorhandener Wohnelemente, kombiniert mit auf die Aktionsinhalte zugeschnittenen Möbelentwürfen, die zusammen eine Lese- beziehungsweise Lebensinstallation formen werden.
Die Objekte für die Installation werden in Zusammenarbeit mit Häftlingen in den Gefängniswerkstätten gebaut. Das Ziel der Arbeit ist ebenfalls in zwei Teile gegliedert: während die vorgetragene Literatur die Bewohner mit ihren eigenen Biografien, Erfahrungen und Sehnsüchten konfrontiert, verändert sich zeitgleich ihre Umgebung. Das Projekt ist vergleichbar mit einer Erzählung: mit dem langsamen Aufbau von Spannung und der allmählichen Identifizierung des Betrachters mit den Hauptfiguren und der Handlung. Parallel dazu wächst das Bild einer sich zueigen gemachten Umgebung.
Dieses Bild ist spekulativ. Ich suche für die Durchführung Formen, Materialien und Techniken, die zur Realisierung des Bildes führen können. Die endgültige Form entsteht nach meiner Vorgabe und der nicht vorhersehbaren Sichtweise der Teilnehmer.

MÄDCHENGEFÄNGNIS
Die Jugendabteilung des Gefängnisses verwaltet etwa zwölf 14- bis 20jährige Mädchen aus vier Bundesländern Norddeutschlands.
1, 2, 3
Jugendabteilung der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta, Deutschland. Gefängniszellen für ein oder zwei inhaftierte Mädchen. 2005.

Dampfmaschine für direkte Korrektur kleiner Jungen und Mädchen.. Institut National de Recherche Pèdagogique, um 1800. Illustration aus dem Buch von Michael Foucault: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main 1994
Die Abteilung befindet sich im alten Teil des Gefängnisses, einem ehemaligen Kloster und erstreckt sich über das gesamte zweite Stockwerk des Gebäudes. Der circa sieben Meter breite, fünf Meter hohe und 30 Meter lange Flur ist zur Vermeidung von Konflikten durch eine gläserne Wand in zwei Bereiche geteilt. Die eine Hälfte des Flurs hat an der Schmalseite große Fenster mit Aussicht auf den kleinen Gefängnishof der Abteilung, einige Bäume, die Mauer des Gefängnisses und bietet eingeschränkte Sicht auf die Straße hinter der Mauer. Die andere Hälfte hat keine natürlichen Lichtquellen und wird künstlich durch Leuchtstoffröhren erhellt.
Auf jeder Seite befinden sich sechs Zellen, von denen jeweils vier als Gefängniszelle und zwei als Bewachungsund Büroräume dienen. Des Weiteren gibt es auf jeder Seite Gemeinschaftsräume für Aktivitäten und Fernsehen, eine halböffentliche Telefonzelle und eine funktionelle Gemeinschaftsküche.
Jede Zelle ist circa 4 x 2,5 Meter groß und stellt den Wohnraum für ein oder zwei Mädchen dar. Die Zellen werden von den Mädchen selbst im Stil eines Kinder- oder Jugendzimmers eingerichtet, mit Fotos an den Wänden (soweit sicherheitstechnisch zugelassen] einem Holzbett (Privileg der Jugendabteilung), einem erlaubten Kuscheltier und, sofern ausreichend Raum vorhanden ist, einem Nachtschrank oder -tisch zwischen den Betten. Daneben gibt es in der Zelle eine Toilette und ein Waschbecken, die beide jederzeit von den Bewachern einsehbar sind.
Man spricht nicht miteinander, sondern schreit sich an. Es wird nicht gefragt, hinterfragt oder diskutiert, sondern unterstellt, bloßgestellt und ausgelacht, beschimpft und befohlen, beleidigt und bedroht. Die Heftigkeit und der Stress des Gefängnislebens bewirken einen Zwang von plakativer Selbstbehauptung in einer Existenz von Fehlschlägen, Unwertigkeiten, Missbrauch und Enttäuschungen.

DEAL
Enthusiasmus gegenüber jedweder sinnvollen oder sinnlosen Beschäftigung ist im Gefängnis nicht zu erwarten. Es ist unwesentlich, ob es um eine geisttötende Tätigkeit wie z.B. Gummikappen auf Tischfüße zu schrauben geht, oder um gut gemeintes Modellieren und Glasieren von Aschenbechern innerhalb eines Töpferkurses. Es ist charakteristisch, dass bei keiner der offiziellen Aktivitäten ein Bezug zu den Erfahrungen und Wünschen der Insassen vorhanden ist. Dies gilt in besonderem Maße für die schwierigen Mädchen in der Jugendabteilung.
So scheint während der Haft einzig die bereits bestehende oder zu erwartende Drogenabhängigkeit eine Ausnahme’tätigkeit’ darzustellen – garantiert durch die Vertrautheit eines Verhaltensmusters, und somit die Bestätigung einer gemeinschaftlichen Erfahrung.
Die Durchführung jeder meiner Gefängnisprojekte basiert auf einem Deal mit den Häftlingen. Diese äußerst misstrauische Zwangsgruppe von Menschen will nichts wissen von pädagogischen oder therapeutischen Maßnahmen im Rahmen einer erwartungsvollen Hilfeleistung oder von anderen hehren Idealen.
Bei meiner Annäherung zeige ich den Häftlingen meine Arbeit als Künstler und frage sie, ob sie mit ihren Beitrag teilnehmen wollen an dem Kunstwerks, einer outcast-registration über (drogenabhängige) Frauen in Europa.
Die Einladung zur Zusammenarbeit ist unumwunden direkt und simpel; ich interveniere im bestehenden Gefängnis-System und richte mich in jedem Projekt auf eine aktuelle Situation der Insassen. Ich bin auf ihre Mitarbeit angewiesen, auf Einsichten, die sie mir über ihr Leben geben können und die inhaftierten Frauen erleben gesehen zu werden, als Mensch innerhalb einer Gemeinschaft.
Ich vermute, dass der Grund für den sich immer wiederholenden Projekt-Enthusiasmus zu suchen ist in einer merkwürdigen Übereinstimmung von Kunst und Leben als outcast. Die scheinbare ‚Nutzlosigkeit’ von Kunst ist bis zu einem gewissen Punkt vergleichbar mit dem unproduktiven Aspekt von Drogenkonsum; und Option, zeitweise der beklemmenden Vorhersehbarkeit ihrer Situation zu entkommen.
4,5
Holzschnitt der Ludwigsburger Türme im Schwarzwald, Deutschland. Den Gebrüdern Grimm zufolge liegt rings um die Türme der Ursprung des Märchens Rapunzel.
Rapunzel (Lat.: Radix Pontica), ist der Name einer kleinen Pflanze mit dicken, essbaren Wurzeln. Die Knolle ist ein Synonym für den Paradiesapfel. Das Wohnen in einem Turm symbolisiert in der Märcheninterpretation die Entwicklung des Denkens. Kennzeichnend für dieses Märchen ist die aktive Rolle der Frauen und die Opferrolle der Männer.

Die Türme von Michael Montaigne [1533-1592].
Montaigne lehrt: Der Mensch ist ein veränderliches Wesen; unfähig, die Wahrheit zu entdecken. Als Sklave seiner Gewohnheiten, Vorurteile, seines Egoismus und Fanatismus ist er ein Opfer der Umstände. Diese Feststellung wendet Montaigne auch, beziehungsweise hauptsächlich, auf sich selbst an. In seinen Refl ektionen über das Leben schreibt er: ich unterrichte nicht, ich erzähle.
Montaigne lebte jahrelang isoliert in den Türmen seiner Burg, um dort seine Entwürfe, ‚Proben’ zu schreiben. Seine Gedanken Vivre à propos [sinngemäß: Wahrhaftig leben] wurde Ende des 20. Jahrhunderts in der Kunstrichtung Real Life repräsentiert. [siehe auch Wilhelm Schmidt: Ethik der Selbsterfindung. Über produktive Widersprüche bei Montaigne. Kunstforum International, 1999, Bd. 143.]
SCHNEEWITTCHEN, PSYCHO BEGBIE UND DIANE [14]
6, 7
Standbild aus dem Film Trainspotting von Danny Boyle, 1996, basierend auf den gleichnamigen Roman von Irving Welsh. Buch und Film erzählen die Geschichte von einem jungen, drogenabhängigen Vandalen und ‚trainspotter’, der versucht clean zu werden, und von seinen ‚schlechten’ Freunden loszukommen. Es geht um Sex, Gewalt, Drogen und groben Sprachgebrauch – ohne Verherrlichung. Trainspotting bedeutet wörtlich das Sammeln von Lokomotiv-Nummern. Wenn eine Sammlung komplett ist, verliert das ‚spotten’ seine Bedeutung.

Holzschnitt von Ludwig Richter, Schneewittchen. Die Geschichte beginnt wie ein Wintermärchen. Das Leben wird in Phasen von Geburt, Prüfung, Tod und Auferweckung aus dem Tod eingeteilt. Der Spiegel soll Antwort auf Fragen nach Leben und Tod geben. Die Zahl sieben – die sieben Zwerge – verweist unter anderem auf die sieben Tugenden und die sieben Sünden des Menschen.
Die Neueinrichtung des Flurs richtet sich auf die Entwicklung von geistiger Bewegungsfreiheit und körperlichen Trost für die Benutzer.
Das Leben der Bewohnerinnen – Knastzeit inklusive - ist die Anhäufung eines nicht honorierten Wunsches nach Aufmerksamkeit, Beachtung, Anerkennung. Aufmerksamkeit kommt – ihrer Meinung nach – einem Phantombild von Unversehrtheit in einem bürgerlichen Leben gleich: Wie das Leben aussehen sollte, wenn man nicht in dieser Situation leben würde, müsste -, wie es wäre, wenn am Ende alles gut wird; märchenhaft unrealistisch. Die Pflege dieser Legende ist etwas, das sie nie genießen durften; keine von ihnen kennt die Intimität des‚Vorgelesen- Bekommens’, in dem ihr Erleben der Welt bestätigt wird.
Die literarische aktion ist der imaginäre Teil des Projekts. Anfangs konzentriere ich mich auf das Erzählen von Geschichten, das Zuhören und die endlose Wiederholung. Ich bin davon überzeugt, dass ich die Mädchen ebenso mit Märchen wie Grimms Schneewittchen als auch mit der Geschichte über die fixenden Psycho Begbie und der 14jährigen Diana aus Trainspotting fesseln kann; in Prinzessinnentraum bis Albtraum ist jedes Schicksal denkbar.
Parallel hierzu entsteht durch die installation ein Interieur, bei dessen Herstellung das Nachdenken, Reflektieren über das Einzurichtende eine dreidimensionale Fortsetzung der Erzählung bildet.
Alle Entwürfe der Einrichtung werden in professionell eingerichteten Werkstätten (Holz, Metall, Textil) des Gefängnisses ausgeführt. Bei der Herstellung jedes Wohnobjekts kommen verschiedene bekannte handwerkliche Techniken zum Einsatz, aber auch Neuerungen, so wie zum Beispiel der Bau einer Strickliesel mit einem Durchmesser von 1,20 m, wodurch monumentales Stricken mit 2 cm breiten Gefängnisdecken- Streifen möglich ist - zum Beispiel um Bezüge für die Sitzelemente zu produzieren. Polstern mit Skai, Filzen von Sitzsacküberzügen, Steppen von Futons sind Techniken, die schnell zu erlernen sind.
Beide Flurräume funktionieren autonom: die Glaswand macht es möglich, die Bereiche visuell zusammenzuführen. Die Räume sollen mit einer flexiblen Standardeinrichtung ausgestattet werden, Tische und Stühle, an denen gearbeitet werden kann, sowie komfortable Sessel für das Vorlesen und Erzählen. Auf jeder Seite entsteht eine eigene Bibliothek, die regelmäßig erweitert wird. Das einzige feststehende Objekt ist das Bucharchiv, alle anderen Möbel sollen auf Rädern bewegt werden (können).
Die Formgebung der zwei Räume wird aufeinander abgestimmt; der vordere, helle Teil mit der großen Fensterfront wird in Farben und Formen schlicht gehalten.
Die ‚Abhäng-Ecke’ besteht aus langen Kasten-Sitzelementen, die variabel kombinierbar sind (drei Elemente formen Sitz- bzw Liegemöglichkeit von maximal 1Meter x 6 Meter). Die Polsterung der Bänke besteht aus Futons, angefertigt in einer Stapel- und Stepptechnik mit Baumwolltüchern. Für die Lehnen werden schwere, bewegliche Bumerangkissen genäht. Alle Elemente werden mit den verhassten grauen Gefängnisdecken umhüllt. Als Ganzes betrachtet entsteht eine Lounge; die hässlichen Knastdeckenkisten entpuppen sich als distinguierte Design-Couch.

8
Abhänge-Bank, Basisform. 400cm x 100cm. Holz, Futon, Gefängnisdecken. 1998.
Bumerangkissen; 100cm x 50cm. Gefängnisdecken, schwere Füllung. 1998.
Bezug; 600cm x 100cm. Gefängnisdecken, gestricklieselt, Ø100cm. 2000
Alle Objekte von U.M. Die Abbildungen dienen als mögliches Beispiel für Form- und Stilwahl der Installation im vorderen Teil des Flurs;
Im hinteren Teil des Flures sollen vor dem Einrichten bautechnische Veränderungen vorgenommen werden, um eine Tageslichtquelle zu erschließen; wie bescheiden dann auch referiert der Blick durchs Fenster an das Leben ‚draußen’. Im Übrigen wird dieser düstere Raum wie etwas Phänomenales eingerichtet, ein Irgendwo zwischen UFO und Prinzessinnen-Suite. Basisfarben sind rosa, gelb, hellblau, in uni oder metallicem, verwendetem Basismaterial Leder, Skai und feine Wolle, gewoben oder gefilzt. Die ‚Abhäng-Ecke’ besteht aus acht fahrbaren Sitzsäcken, die zusammen einen Zirkel mit dem Durchmesser von circa 4 Meter bilden, aber in jeder Anordnung Komfort und Wärme gewährleisten und als Einzelteile fahrbare Throne sein dürfen. Die Wände werden mit Skai-unterlegten Leuchtstoffröhren bekleidet. 9
Installation; lederne Bänke, Neonröhren, Kunststoffelemente, 1996, Bastienne Kramer.
Die Abbildungen dienen als Beispiel für Form- und Stilwahl der Installation im hinteren Teil des Flurs.
Die vorhandene Wohnzimmereinrichtung (Rustikal-Altdeutsch-Imitat) auf beiden Seiten des Flures wird neu arrangiert, sodass ein einzigartiges Möbelstück entsteht. In die Holzteile werden Texte eingeritzt, die für die Bewohner bedeutend sind. 10
Wohnflur in der Jugendabteilung des Gefängnisses.
Die 1- bis 2-Personentische und Stühle sind in Formgebung, Material und Farbe funktionell. Die Tische können zu einer großen Fläche kombiniert oder als separate Arbeitstische genutzt werden, sowohl für Einzelarbeit als auch für Workshops, z.B. beim Vergleich von Literatur und Film.
Neben der Basiseinrichtung plane ich die TV-Zelle in ein XXS-Kino zu verändern, in dem vorlesungsbezogene Filme gezeigt werden können. Auch hier wird ein abteilungsinternes Archiv aufgebaut.
Die Computerräume werden in die neue Einrichtung des Flures integriert; ich strebe eine Mobilisierung der Apparate an.
10
Schmetterlingsstuhl; 125cm x 80cm. Entwurf von 1938, verkleidet mit Gefängnisdecken, U.M. 1998
Das Konzept für JUGEND WOHN ZIMMER wurde auf Einladung der Gefängnisleitung entwickelt, in Folge des ProjektsKOLLEKTION GEFÄNGNIS KLEIDUNG, in 2001.
Das Konzept und die Planung für die Durchführung wurde von den Mitarbeitern der Jugendabteilung, der Direktion, dem Justizministerium Niedersachsen, und dem Rat der Klostergemeinschaft enthusiastisch befürwortet.
Für die Anschaffung von Büchern und DVD’s haben engagierte Fachhändler im Bundesland Niedersachsen Hilfe und finanzielle Unterstützung zugesagt.
Die Intervention in der Jugendabteilung der JVA für Frauen kann unter Begleitung der Betreuer fortgesetzt und regelmäßig aktualisiert werden.
Amsterdam, August 2005


happy
Together
Happy Together ist eine Sequenz von Full-color Postern, die jeweils eine Person neben einem Blumenkübel an öffentlichen Stellen in Amsterdam präsentiert.
Ungewöhnlich ist die Platzierung der Personen, die dort nichts zu suchen haben; sie sind gebeamt aus gesellschaftlichen Randgruppen; Süchtige, Junkies.
In ihrer Postierung nahe der Geranien-Installationen bewegen sie sich in einer blumigen Prozession von Süd- nach Nordeuropa.
Happy Together sind Aspekte einer x-beliebigen europäischen Großstadt.

Poster & Photos D/NL 2002
NO ID, Bombay/Indien
Zusammenarbeit Bastienne Kramer, Amsterdam/Niederlande

claudia
claudia
claudia
claudia
claudia



THIS BABY DOLL WILL
BE A JUNKIE

Der Titel THIS BABY DOLL WILL BE A JUNKIE suggeriert, dass Drogenabhängigkeit ein vorherbestimmtes Schicksal ist; eine Unheil verkündende Aussicht auf ein beginnendes Menschenleben. Der Titel widerspricht dem auf Chancengleichheit basierten Denkbild individueller Unabhängigkeit und dem Recht auf körperliche und geistige Selbstbestimmung.

Das Bild der Skulptur widerspricht der öffentlichen Meinung über die Ursache von Abhängigkeit. Demnach wird das Verschulden allein als Konsequenz einer freien Selbstbestimmung gesehen und berechtigt daher zu einem kollektiven Urteil: Drogenabhängigkeit ist eine Frage persönlicher Unfähigkeit und die Verantwortung für die Folgen der Drogenabhängigkeit trägt prinzipiell und ausschließlich die /der Abhängige. Drogenabhängige Frauen unterscheiden sich von drogenabhängigen Männern vor allem in der selbstverständlichen Annahme der eigenen Schuld.

THIS BABY DOLL WILL BE A JUNKIE ist eine Sammlung von äußerst selten zugänglichen Aussprachen von Junkies über den Verlauf ihres Lebens vor und nach dem Beginn ihrer Abhängigkeit: ein audio-visuelles Porträt von in Europa lebenden, drogenabhängigen Frauen.
Das Kunstwerk besteht aus Serien identischer Puppen, welche entscheidende Ereignisse aus dem Leben einer Drogenabhängigen mitteilen. Jede Serie repräsentiert eine Biografie.

pop groot
Die Puppe ist der Porzellanabguss einer traditionellen Spielpuppe mit beweglichen Armen und Beinen. Auf das Puppengesicht ist das Fotoporträt einer Drogenabgängigen projiziert, welches den Gesichtsausdruck der Babypuppe fließend in den eines Erwachsenen übergehen lässt.
Beim Aufheben der Puppe wird eine signifikante Erfahrung aus dem Leben der Drogenabhängigen hörbar.
Die Aussprache schallt durch ein perforiertes Textfeld auf dem Rücken der Puppe mittels eines darunter montierten Lautsprechers. Der Text gibt Information über den Namen und das Geburtsjahr oder auch das Todesjahr der Drogenabhängigen.

jessica

mit 10 Jahren fange ich an zu trinken

Die Puppenserien werden in öffentlichen Räumen an Orten installiert, die zum Lebensraum Drogenabhängiger gehören, und anschließend ohne weitere Aufsicht in der Öffentlichkeit zurückgelassen.
Jede Puppe trägt am Handgelenk einen Anhänger mit dem Titel des Kunstwerks sowie einen Hinweis zu http//:www.thisbabydollwillbeajunkie.com





EETSLUIS
 
EetSluis gaat om het sluizen van voedsel. Volgens het principe van een sluis wordt de doorstroom van eetwaar tussen twee plaatsen gereguleerd, zonder dat deze ooit direct met elkaar in open verbinding staan.
Een ruimte bestaat uit drie categorieën; eetzaal, tussenruimte en keuken. De eetzaal is publiekelijk toegankelijk, de tussenruimte dient als doorlaat van maaltijden, de keuken is toegankelijk voor het personeel.
De EetSluis representeert uiteenlopende, dat wil zeggen, onverenigbare bevolkingsgroepen binnen één samenleving.
EETSLUIS
SCHETS, LUCAS LENGLET


Een sluis deelt een ruimte door midden en scheidt een eetzaal van een keuken. De sluis is een compacte ruimte, onderverdeeld in verlichte cellen met afsluitbare toegangen aan twee kanten. De celdeuren zijn gecodeerd en corresponderen met de codes die de gast heeft ontvangen voor zijn bestelling. Zoals gebruikelijk bij een sluis gaan de deuren tijdelijk maar in één richting open.
Het restaurant is contemporain ingericht en voorzien van het complete equipement voor een uitstekende locatie. In de eetzaal bevindt zich geen bediening. Bestelling en betaling van het menu geschieden elektronisch bij een automaat die in het restaurant geplaatst is. De gast bedient zich via een in te voerden code uit de sluis van zijn maaltijd. De publieksruimte is transparant, in te zien vanaf de straat.
Het menuaanbod is evenals de kwaliteit van de gerechten uitstekend. De prijzen in de EetSluis liggen beduidend onder de doorsnee-prijs voor een maaltijd in vergelijkbare eetgelegenheden.
De achterste ruimte is onderverdeeld in een besturingspaneel en een keuken. Het besturingssysteem fungeert als een ‘intermediair’ tussen gast en gastgever, hier worden de bestellingen ontvangen en verwerkt.
Het personeel is vanuit de eetzaal onzichtbaar; contact tussen gast en medewerkers wordt uitgesloten door de constructie van de ruimte. Het personeel bestaat uit wisselende koks en een staf van medewerkers.
De keuken is uitsluitend via een separate ingang bereikbaar voor medewerkers.
Het restaurantgedeelte onderscheidt zich van een gangbaar restaurant door het opheffen van de gebruikelijke gedragscode binnen de eet-cultuur; de identificatie van gast met gastgever en andersom vervalt - hoewel stijl en pose van de eetzaal aan de behoefte en de verwachting van een brede cultuurbewuste bevolkingsgroep in Nederland beantwoorden.

Gast in de EetSluis is de gangbare (eet-)cultuur geïnteresseerde restaurantbezoeker die zowel sociale als zakelijke belangen combineert met het eten in een aangename omgeving.
Gastgever in de EetSluis is een bevolkingsgroep die doorgaans buiten de samenleving staat.
(Ex-)gedetineerde (ex-)verslaafden produceren de maaltijden onder leiding van verschillende koks.


SIMULATIE
In een openlijke antwoordbrief op Heidegger’s definitie van humanisme specificeert de Duitse denker Peter Sloterdijk de vraag over het zijn van de mens tot een kwestie van verblijf: niet wat de mens is telt, maar waar, namelijk: in de wereld, om precies te zijn, in een mensenpark1. Dat mensen nu eenmaal ergens moeten zijn, impliceert dat het bestaan een zaak van onroerend goed is.

De Eetsluis lijkt in eerste instantie op het principe van een vreetmuur waar dag en nacht kroketten uitgetrokken kunnen worden, op een Formule1 hotel langs de Franse snelweg of op het Slaapdozen-systeem in overvolle Japanse steden; per creditkaartbetaling kan zonder ontmoeting van personeel (kost en) logies gekocht worden. Het overnachten in een Formule1hotel en het eten uit een vreetmuur zijn gebaseerd op reducties van verzorging in ruil voor geprogrammeerde anonimiteit.
De automaat, van oudsher bedoeld om de mens te verlossen van een onwaardig bestaan als domme kracht, speelt in deze theatrale setting de rol als gesprekspartner; vergelijkbaar met de imaginaire tegenspeler in een onlinecomputergame verzorgt ‘hij’ de dialoog tussen serviceverlener en -ontvanger.

De verleiding de ervaarbare wereld door gelijknissen van zichzelf te bevestigen wordt als algemeen geoorloofd gezien, vandaar dat - hoe groot het mensenpark ook mag zijn - de bewoners van het zonnige perkje altijd zullen beweren dat - benaderd door een ongelijk exemplaar medemens - het bij hen al overvol is, helaas.
Sloterdijk wijdt dit aan de regels die aan het westerse mensenpark vastzitten; aan het leven in een comfortzone. De comfortzone staat weliswaar in de onrustige zee van armoede, maar de onrust die waargenomen wordt heerst buiten onze grenzen. In de getemde wereld van de consumerende burger is het overwegend rustig. Zo rustig dat dit zowel stress als verveling veroorzaakt. Beide grondtonen van het bestaan zorgen voor een chronisch ambivalente stemming, waarin alarm en geruststelling elkaar afwisselen.
De stress- en alarmtoestand wordt gladgestreken door toepassing van Psychologie en Psychiatrie, vandaar de enorme groei in de algemene aanvaarding van het gebruik ervan. De verveling wordt bestreden door allerlei vormen van Excitement, variërend van het springen van een hijskraan aan een elastiek tot reizen naar exotische oorden. Het ongedefinieerde verlangen om uit te breken uit het al te veilig afgebakend burgerlijk bestaan kenmerkt de massale behoefte om naar het vreemde, onbekende, wilde, exotische te gaan kijken. Kijken naar de vrouw met de baard, naar negers, dieren, exoten, zigeuners, homo’s, junkies, pubermoeders, illegalen, kijken naar lijden, kijken naar armoede. Niet om te zien of te ervaren wat de exoten wezenlijk zijn, want dat zou verbintenis, deel uitmaken van ... - met zich mee brengen, maar om jezelf bevestigd te zien in wat jezelf bent. Hiervoor is men bereid om naar specifieke plekken te gaan: circus, dierentuin, exotische oorden, sloppenwijken, de Zeedijk. Om samen te griezelen en vervolgens terug te keren in de geruststelling, ‘dat’ in elk geval niet te hoeven zijn.
Daartegenover staat het verlangen van de outsider. Ondanks het wel dan niet zelfgekozen bestaan als outsider is er hunkering om tot de comfortzone toe te treden. Soms met gevaar voor eigen leven door in wrakke bootjes de zee te trotseren, bereid het predikaat Illegaal op zich te nemen. Of in het geval van junkies, de clinch tussen het daadwerkelijke leven als trash en het verlangen aan een ongekend burgerlijk bestaan. Gedreven door dit ideaalbeeld gaan junkies fantaseren hoe het leven eruit gaat zien als ze straks uit-getherapie-eerd zijn of ontslagen uit een gevangenis die gebouwd is in de stijl van een Vinex-locatie, bedoeld om onder bewaking het leven in burgerlijkheid te oefenen. De praktijk leert dat de imitatie, die aangeleerde burgerlijkheid noch leidt tot een ‘normaal’ leven, noch tot een op zelfvertrouwen en zelfstandigheid gebaseerd bestaan. De inspanningen om de maatstaven voor een ‘normaal leven’ op te volgen staan schrijnend tegenover hun levenservaring en reële -verwachting.
Zo is bijvoorbeeld de poging een Amsterdams caféhuis op te starten, gerund door heroïneprostituees die uit de business willen stappen, gedoemd tot mislukking omdat het eenzijdige prijsgeven van persoonlijk letsel tot het boven genoemde ramptoerisme leidt. Hoewel het volgens Hannah Arendt mogelijk is in [...] openbaarheid en de potentie van verbintenis het beginsel van menselijk handelen ervaarbaar te kunnen maken. Het bij elkaar brengen van gelijkheid en verscheidenheid zou zich – ondanks het verschil van positionering en een ongelijksoortige houding – richten op een gezamenlijke wereld. Dat we in staat zijn onszelf te zien terwijl we de wereld zien, in een merkwaardig, kruiselings in elkaar grijpend verband van binnen en buiten, zodat we ondanks ons geïsoleerde bestaan verbondenheid kunnen ondervinden [...]2, maakt duidelijk hoe ver de wens en de daad van elkaar verwijderd staan. Misschien ligt juist in een openbare onzichtbaarheid de potentie van verbintenis met het of de andere. Vergelijkbaar met de noodzaak sprookjes te vertellen in plaats van te zien: Sneeuwwitje blijft tot alle eeuwigheid de mooiste in het land, mits ze niet betrapt wordt als oud geworden en best wel dik, eigenlijk.

De eetsluis is dé plek waar menselijke verlangens zonder aanzien der persoon vertegenwoordigd zijn. Ordentelijk gescheiden door een buffer in vorm van de sluis. De ene groep kan, zoals gewend aan een exquis - voor de verandering zelfgedekte - tafel plaatsnemen, de andere groep blijft verborgen in de keuken. Verlangens van beide groepen, voyeurisme en imitatie worden beantwoord door enerzijds als gast in weelde te eten en anderzijds, als medewerker de luxe van een legitieme aanwezigheid te ervaren. In de eetsluis wordt aan twee deuren geklopt en beide deuren worden selectief opengesteld, gezien het helder is wie waar moet zijn.

Wat het voordeel is van de EetSluis? Er is geen voordeel. De geconstrueerde ruimte voor de EetSluis is een enscenering, een simulatie van actuele maatschappelijke structuren en denkbeelden. Simulatie is precies dat onweerstaanbare proces, waarbij dingen zo met elkaar verklonken raken dat het lijkt alsof ze als zodanig zinvol zijn, terwijl ze eigenlijk alleen maar door een kunstmatige montage en door on-zin georganiseerd worden3.
De EetSluis is de hyperrealisering van realiteit, zich onttrekkend aan elke zinvolle interpretatie of oplossing.

1 Peter Sloterdijk: Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus
2 Hannah Arendt: o.a. Politiek in donkere tijden. Essays over vrijheid en vriendschap.
3 J.Baudrillard: Simulationsmodell / Die Illusion des Endes oder der Streik der Ergebnisse, Berlin 1994.



COLOPHON
 
Konzept | Ausführung
Ulrike Möntmann, Amsterdam, NL

Beratung
Bastienne Kramer, Amsterdam, NL

Technische Begleitung, Keramik
Matthias Keller, ’s Hertogenbosch, NL

Technische Begleitung, Audio-Installation
Nick Snaas, Zeist,NL
Kees Reedijk, Amsterdam, NL
Peter Bogers, Amsterdam, NL
Tom Bachmann, Amsterdam, NL
Salan Zijlstra, Rotterdam, NL

Assistenz technische Ausführung
Kouri Yorigami
Veronika Beckh
Clara Moranta
Lucia Luptakova
Jolanda Visser

Biografieën
Jessica Schümann, Justizvollzugsanstalt für Frauen, Vechta, D
Angela Kaspers-Köhler, LÜSA, Unna, D
(Aussprachen Biografieën K. Pausch)
Monika Zielinski, Hildesheim, D
Sophie van der Toorn, Bunschoten, NL
Hilda Roorda, Driebergen, NL
Mickey Jannink, Driebergen, NL
Hinke Wijnja, Driebergen, NL

Fotografie
Luuk Kramer, Amsterdam, NL
Jeroen Alberts, Amsterdam, NL
Linda Marie Schulhof, Münster, D
Roland Lutz, Unna, D

Übersetzung | Korrektur
Beverley Jackson, Amsterdam, NL
renée c. hoogland, Amsterdam, NL
Linda Marie Schulhof, Münster, D
Rolf Möntmann, Osnabrück, D
Jolanda Visser, Rotterdam,NL
Sjoerdtsje Willemsma, Friesland,NL
Lies de Wolf, Amsterdam, NL

Gestaltung | Konzept website
Yvonne van Versendaal, Amsterdam, NL
Programierung website
Romain Preston, Paris, FR

Zeichnung Eetsluis
Lucas Lenglet, Berlin, D

ARTA Lievegoedgroep
Ambulante Suchtbehandlung, Zeist, NL
Hans Kassens
Jacques Michael Abas

Justizministerium
TIB
G.M. Hoeymakers
PIV Ter Peel, NL

MDHG
Interessenvereinigung für Drogengebraucher
Willemijn Los, Amsterdam, NL

LÜSA
Langzeit Übergangs- und Stützungs- Angebot,
Anabela Dias de Oliveira, Unna, D
AIDS Hilfe, Unna, D
Ulrike Trümper, Unna, D

AMOC
Ingeborg Schlusemann, Amsterdam, NL
Drogenhilfe für nicht eingebürgerte Europäer

Justizvollzugsanstalt für Frauen / Niedersachsen
Ullrich Krenz, Vechta, D
Helmut König, Vechta, D

Partizipierende Instanzen
Fonds BKVB, NL
AFK, NL
Gemeente Amsterdam, NL
Prins Bernard Cultuurfonds, Amsterdam, NL
mama cash, amsterdam


ULRIKE MÖNTMANNNL - D - EN
Soziale Prozesse in äußersten Situationen bilden den Ansatz meiner Projekte. Meine Vorgehensweise hat im Laufe der Projekte die Form systematischer Interventionen angenommen. Die autonomen Bilder, Objekte, Fotos, Texte und Aktionen, die hieraus entstehen, bilden eine outcast-registration von Erscheinungsformen der westeuropäischen Gesellschaft.

Die unterschiedlichen Projekte gehen durch die Logik der Thematik ineinander über: das Resultat jedes einzelnen Projektes steht und spricht für sich, formt aber auch eine Phase in einem kontinuierlichen Gesamtwerk. Das Bild entwickelt sich parallel zum konstant wachsenden Umfang meines Aktionsradius.
Aus der Mitte extremster Lebensräume bewege ich mich - sozusagen im Rückwärtsgang - in die Richtung des offenen, bzw. öffentlichen Raumes.